Mühlenspiegel 51

36 / Projekt i2030 im Mühlenbecker Land Text: Birgit Rathmann / Foto: Fotogruppe SichtWeisen Mühlenspiegel: Viele Menschen in Schildow, Mühlenbeck oder Schönfließ würden gern das Auto stehen lassen. Aber das ist eine Frage des Vertrauens in die Bahn – etwa bei der S8. Welche Mindeststandards an Taktung und Verlässlichkeit muss uns i2030 liefern, damit die Mobilitätswende hier bei uns im ländlich geprägten Raum wirklich zündet? Martin Pogatzki: Der Mindeststandard ist aus unserer Sicht: tagsüber ein verlässlicher 30-Minuten, besser 20 Minuten-Takt, sichere Anschlüsse und genügend Kapazität in den Hauptverkehrszeiten. Für Pendlerinnen und Pendler reicht es nicht, wenn ein Zug theoretisch fährt. Er muss auch so fahren, dass man den Alltag damit planen kann. Im ländlich geprägten Raum ist Verlässlichkeit noch wichtiger als im Zentrum. Wer einmal erlebt, dass ein Anschluss weg ist und der nächste Zug erst deutlich später kommt, nimmt beim nächsten Mal wieder das Auto. Deshalb brauchen wir nicht nur neue Strecken, sondern auch robuste Fahrpläne, gute Fahrgastinformation und abgestimmte Buszubringer. Mühlenspiegel: Lassen Sie uns zehn Jahre in die Zukunft schauen: Wenn die i2030-Pläne voll greifen, wie wird sich der tägliche Arbeitsweg für eine ganz normale Familie aus dem Mühlenbecker Land im Idealfall verändert haben? Martin Pogatzki: Dann ist die Bahn die naheliegende Wahl. Eine Familie aus dem Mühlenbecker Land wird morgens verlässlich mit dem Rad, zu Fuß, mit dem Bus oder vom Parkhaus zum Bahnhof kommen, dort ohne lange Wartezeit in die Bahn steigen und direkt in Richtung Berlin fahren. Für viele Wege ist das Auto überflüssig. Wer wirklich auf Fahrzeuge angewiesen ist – Handwerkerinnen und Handwerker, Lieferdienste oder Betriebe, die mit Material, Werkzeug und Fahrzeugen in die Stadt müssen – kommen besser durch. Gleichzeitig gewinnen Jugendliche und ältere Menschen deutlich mehr Selbstständigkeit. Jugendliche können Freizeit, Ausbildung oder Schule besser selbst erreichen, ohne ständig gefahren werden zu müssen. Ältere Menschen bleiben mobiler, auch wenn sie nicht mehr selbst Auto fahren wollen oder können. Vereinfacht gesagt: Lassen Sie sich fahren, statt gestresst selbst zu fahren. Dann wird i2030 im Alltag spürbar. Besser umsteigen, leichter ankommen Mühlenspiegel: Um den Umstieg vom Auto auf die S-Bahn für unsere Bürgerinnen und Bürger so einfach wie möglich zu gestalten, entsteht am S-Bahnhof in Mühlenbeck ein modernes Parkhaus. Das Bauen mit Fördergeldern ist jedoch oft nur die halbe Miete. Was uns als Gemeinde zunehmend Sorgen bereitet, sind die dauerhaften Unterhaltskosten – von der Beleuchtung über die Reinigung bis zur Sicherheit. Wie diskutieren Sie das bei PRO BAHN: Dürfen Kommunen mit diesen laufenden Betriebskosten alleingelassen werden, oder braucht es da neue Finanzierungsmodelle? Martin Pogatzki: Aus Sicht von PRO BAHN dürfen Kommunen mit solchen Folgekosten nicht allein gelassen werden. Parkhäuser, Fahrradstationen, gute Wege, Beleuchtung, digitale Information und Sicherheit sind Teil des öffentlichen Verkehrsangebots. Sie entscheiden mit darüber, ob Menschen tatsächlich umsteigen. Es reicht deshalb nicht, nur die Investition zu fördern und die dauerhaften Betriebskosten anschließend bei der Gemeinde abzuladen. Wir brauchen Finanzierungsmodelle, die die Kosten berücksichtigen. Sonst entsteht zwar ein Bauwerk, aber kein dauerhaft attraktiver Umstiegspunkt. Und: Parken allein reicht nicht. Sichere Fußwege, stufenfreie Zugänge und abgestimmte Busverbindungen sind genauso wichtig. Der Bahnhof muss als Mobilitätsknoten funktionieren. Mühlenspiegel: Zur modernen Schiene gehört auch ein einfaches Tarifsystem. Sehen Sie als Fahrgastvertreter nach der Einführung des Deutschlandtickets eigentlich noch Reformbedarf bei unseren regionalen VBB-Tarifen, um den Leuten im Umland den Umstieg noch leichter zu machen? Martin Pogatzki: Das Deutschlandticket hat vieles einfacher gemacht, vor allem für regelmäßige Nutzerinnen und Nutzer. Trotzdem: Nicht alle Menschen fahren täglich. Für Gelegenheitsfahrgäste, Familien, ältere Menschen oder Menschen mit geringerem Einkommen muss der Einstieg weiterhin einfach und bezahlbar bleiben. Im VBB-Raum sollten deshalb zusätzlich einfache Anschlussregelungen, verständliche Mitnahmeregelungen und faire Angebote unterhalb des Deutschlandtickets entwickelt werden. Ein gutes Tarifsystem ermutigt zum Ausprobieren. Kommunale Mitwirkung & Appell an die Landespolitik Mühlenspiegel: Bürgermeister Filippo Smaldino engagiert sich ganz gezielt auch als offizieller Botschafter für i2030, um unsere lokalen Interessen zu vertreten. Wie wichtig ist dieser kommunale Druck, damit die Belange von Orten wie dem Mühlenbecker Land in den Bauaufsichtsbehörden der Hauptstadt nicht plötzlich an Priorität verlieren? Martin Pogatzki: Nur das kommunale Engagement bring ÖPNV weiter. Die Entscheider sind weit weg vom eigentlichen Geschehen. Nur die Gemeinden wissen, wo Menschen tatsächlich einsteigen, wo Wege unsicher sind, wo Busanschlüsse fehlen und wo eine Planung an der Lebensrealität vorbeigeht. Wenn Herr Smaldino sich sichtbar für i2030 engagiert, wird das Projekt politisch wachgehalten. Gerade weil weiterhin intensiv um Mittel und Prioritäten gerungen wird, brauchen solche Projekte lokale Fürsprecher. Sonst besteht die Gefahr, dass dringend notwendige Vorhaben immer wieder verschoben werden. Mühlenspiegel: Wenn Sie an der Landespolitik in Potsdam und Berlin für die nächsten Jahre eine einzige, ganz dringliche Kernforderung für den Ausbau hier in unserer Region ins Stammbuch schreiben könnten – wie würde die lauten? Martin Pogatzki: i2030 muss endlich vom Planungsversprechen zur verlässlich finanzierten Umsetzung werden! Die Menschen im Mühlenbecker Land und in der gesamten Hauptstadtregion brauchen keine weiteren Grundsatzbekenntnisse, sondern konkrete Entscheidungen, stabile Finanzierung und sichtbare Baufortschritte. Die Reaktivierung der Heidekrautbahn ist dafür ein Schlüsselprojekt. Sie muss jetzt konsequent vorangebracht werden – mit Blick auf Schildow, Mühlenbeck, Schönfließ und mit einer klaren Perspektive bis Gesundbrunnen. Wenn die Politik in Berlin und Brandenburg die Menschen ernst nehmen, dann muss i2030 das Projekt sein, das endlich imAlltag ankommt. Was ist das Projekt i2030? Das Projekt i2030 ist ein strategisches Gemeinschaftsvorhaben der Länder Berlin und Brandenburg, der Deutschen Bahn sowie des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB). Es zielt darauf ab, die Schieneninfrastruktur für den Regional- und S-Bahn-Verkehr in der stark wachsenden Hauptstadtregion systematisch auszubauen und an zukünftige Belastungen anzupassen. Im Kern geht es um die Beseitigung infrastruktureller „Nadelöhre“ auf den wichtigsten Pendlerstrecken, eine spürbare Taktverdichtung sowie die Reaktivierung historischer Strecken – wie etwa der Heidekrautbahn im Norden. Durch diese massiven Investitionen soll das Netz leistungsfähiger und zuverlässiger werden, um den Menschen im Berliner Umland eine verlässliche und alltagstaugliche Alternative zum Auto zu bieten. Bürgermeister Filippo Smaldino ist einer der Botschafter des i2030-Projekts, das die Stimmen von der kommunalen Basis bis zur Landesebene aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Planung bündelt, um den politischen Druck auf die Umsetzung aufrechtzuerhalten.

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